Ein politischer Gegenwartsroman über die Schweiz
Die Schweizerische Eidgenossenschaft ist die am weitesten entwickelte direkte Demokratie der Welt und die Einzige, die dieses System auf nationaler Ebene umfassend praktiziert. Ihre Stimmbürger können durch Volksinitiativen und Referenden unmittelbar auf Verfassung und Gesetzgebung einwirken. In den meisten anderen Demokratien beschränkt sich die politische Teilhabe der Bevölkerung auf die Wahl ihrer Vertreter.
28. Januar 2026
Der Nebel liegt auf dem Kanal wie eine Decke, die jemand vergessen hat wegzuräumen. Marc Brodard steht am Ufer der Thielle und schaut hinaus auf das Nichts. Irgendwo dort draussen, vielleicht zweihundert Meter, vielleicht einen Kilometer entfernt, öffnet sich der Kanal zum Neuenburgersee. Man muss es glauben.
Er zieht an seiner Zigarette und beobachtet, wie der Rauch sich mit dem Nebel vermischt. Ununterscheidbar. So wie alles an diesem Morgen. Der Himmel, das Wasser, die Zukunft.
Es ist kurz nach acht. Um diese Zeit ist das Kanalufer menschenleer. Die Sommergäste sind längst weg, die Wintersegler noch im Bett oder bei der Arbeit. Nur Marc steht hier, die Hände in den Taschen seiner Daunenjacke, und fragt sich, warum er eigentlich gekommen ist.
Die Escapade liegt an ihrer Boje, am Ende des kleinen Metallstegs, der vom Ufer ins Wasser führt. Eine Dehler Optima 101, Baujahr 1986, sein ganzer Stolz. Er hatte sie vor zwei Jahren in Portalban gekauft; der Besitzer war auf ein grösseres Schiff umgestiegen – eine dieser modernen Hybridyachten mit Elektromotor. Marc hatte das Geld zusammengekratzt und nie bereut. Léa nennt die Escapade seinen «schwimmenden Traum», aber sie sagt es mit einem Lächeln, und manchmal kommt sie sogar mit, wenn der Wind stimmt und der See ruft.
Heute ruft der See nicht. Heute schweigt er.
Schräg gegenüber, am anderen Ufer des Kanals, liegt der Hangar der Police du Lac. Ein flacher Betonbau, funktional, schmucklos. Zwei Einsatzboote dümpeln davor an ihren Leinen.
Sonst nichts. Nur der Nebel, die Stille und das leise Plätschern des Wassers gegen die Bojen.
Marc wirft die Zigarette auf den Boden und tritt sie aus – die Gewohnheit, sie ins Wasser zu werfen, hatte er sich abgewöhnt, seit Léa ihn deswegen angefahren hatte – und zieht sein Handy hervor.
Drei neue E-Mails. Die erste von seinem Chef, irgendeine Servergeschichte, kann warten. Die zweite ein Newsletter von Météosuisse, Aussichten für die Woche, durchgehend grau, welch Überraschung.
Die dritte …
ABF Schweiz – Newsletter 28. Januar 2026
Marc runzelt die Stirn. ABF Schweiz. Aktionsbündnis freie Schweiz. Wann hatte er sich da angemeldet? Er kann sich nicht erinnern. Wahrscheinlich Léa. Sie ist in letzter Zeit politischer geworden, redet von Dingen, die er nicht versteht und nicht verstehen will. Corona-Aufarbeitung, Impfpflicht, Grundrechte. Marc hatte die Pandemie überstanden wie alle anderen: mit Homeoffice, zu viel Wein und dem vagen Gefühl, dass schon alles gut werden würde.
Er will die Mail löschen, aber sein Daumen verfehlt den Button, und stattdessen öffnet sich der Text.
Liebe Freunde und Unterstützer …
Er überfliegt die ersten Zeilen. Juristische Analysen. Kantonale Impfobligatorien. St. Gallen. Strafandrohung bis 20'000 Franken.
Sein Blick bleibt an einem Wort hängen.
Anstaltseinweisung.
Marc scrollt zurück. Liest genauer.
Der Kanton Zug ermöglicht aus wichtigen Gründen zusätzlich eine Einweisung in eine geeignete Anstalt.
Er liest den Satz noch einmal. Und noch einmal.
Anstalt.
Wie in … Anstalt?
Marc blickt auf. Drüben am Hangar der Seepolizei geht ein Licht an. Eine Tür öffnet sich, eine Gestalt in dunkelblauer Uniform tritt heraus, eine Kaffeetasse in der Hand.
Alltag. Normalität.
Marc senkt den Blick wieder auf sein Handy.
In diesem Moment erscheint eine WhatsApp von Léa.
Hast du den Newsletter gesehen?
Er tippt zurück:
Gerade gelesen. Spinnerei, oder?
Drei Punkte erscheinen auf dem Bildschirm. Sie schreibt.
Ich bin mir nicht mehr sicher.
Marc starrt auf die Nachricht. Drüben stellt der Polizist seine Kaffeetasse auf einen Poller und beginnt, eines der Boote zu inspizieren. Routine. Alltag.
Irgendwo hinter dem Nebel, Richtung Grandson, beginnt ein Nebelhorn zu dröhnen. Einmal. Zweimal. Dann Stille.
Marc schaut noch einmal hinaus auf den Kanal.
Auf den Nebel.
Auf die Escapade.
Alles genau wie immer.
Marc steckt das Handy ein und geht zurück zu seinem Auto.
Nur das Wort Anstalt will ihm nicht mehr aus dem Kopf.
«Chill dini Base.»
Der Capitaine · D/s Neuchâtel
PDF · CHF 15.00 · Bevor es passiert.
Claude Neumeyer · ca. 432 Seiten · Deutsch
«Es ist ein Buch, das man irgendwo an einem See lesen sollte, mit einem Glas Rosé in der Hand und einem Gefühl, das man nicht loswird.»
Claude
Alles andere ist noch nicht passiert.